Gastbeitrag von Lenja Hermanns, Freie Rednerin (IHK)

Ich bin ein bisschen aufgeregt.
Das sag’ ich eigentlich ganz gern am Anfang, so bevor es losgeht damit, dass sich Augen auf mich richten. Und dann breitet sich manchmal was aus meinen Schuhsolen in meinem Rücken aus und lacht laut und sagt „haha, ein bisschen, das glaubt dir ja keiner, oder seh’ ich nach einem Bisschen aus“ und spitzt seine Finger und spielt mit meinen Lippen ein Crescendo aus Vibration während ich hoffe, dass niemand sieht, wie sehr mein Gesicht bebt.

Vermutlich werd’ ich nie vergessen, wie es sich anfühlte, als ich ganz genau so meine ersten Sätze im Dachgeschoss dieses wunderschönen Ritterguts aus mir rausquetschte. Na super, das kann ja was werden.
Schon klar, 12 Minuten Autofahrt, zugegebenermaßen leicht quietschende Reifen und 14 richtig schlaflose Nächte waren tatsächlich nicht die beste Vorbereitung auf diesen Morgen, auf den ich mich absolut gefreut hatte, aber was soll’s, manchmal, da ist das mit dem Planen eben so eine Sache.

Also: Keine Wahl. Die Zeilen, die ich eigentlich nur irgendwie vernünftig vorlesen musste, wollten mich so richtig ins Bockshorn jagen und die Aufregung in meinem Nacken war, da musste ich ihr Wohl oder Übel recht geben, wirklich alles andere als „ein Bisschen“. 2 Minuten unangenehmes Vorstammeln eines ehrlicherweise wirklich nicht unangenehmen Textes später war der Spuk dann auch vorüber und ja, es gab keinen schallenden Applaus, aber warme Worte für meine Worte, denn mit denen umgehen, das kann ich, wenn da nur die zitternden Mundwinkel und das flaue Gefühl im Magen nicht wären.
Noch 2 Minuten später, grob geschätzt, hat dann was begonnen, was man hochtrabend als Transformation und ein wenig bodenständiger als Veränderung in vielen Schritten bezeichnen könnte. Denn ab da ging’s für mich wirklich los. Dieses Lernen und Zuhören und Dinge abstreifen, bevor man sich neue wieder anzieht. In meinem Fall: Diese große Portion Nervosität durfte in die metaphorische Altkleidertonne, vernünftig fundierte Selbstsicherheit vom Haken genommen und übergestreift werden. Die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.

Dass daran maßgeblich Anja und Julian beteiligt waren, liegt wohl auf der Hand. Ganz ehrlich: Der Weg und die Entscheidung, diesen neuen Pfad einzuschlagen, der war schon ein Prozess – und ist es wohl für jede Person, die mit dem Gedanken spielt, Trauredner*in zu werden. Man rechnet durch, streicht weg, schreibt wieder hin, fragt nach und, das kann ich versichern: Bekommt von den Beiden die besten Antworten, schon im Voraus. All das, was für mich noch offen war und irgendwie quer im Weg lag, hat Julian ziemlich zügig beiseite räumen und erklären können. Mein Zögern vor der Anmeldung – das, wenn wir ganz ehrlich sind, natürlich auch was mit Zahlen, die auf den ersten Blick kurz wehtun, zu tun hat – ist recht flott in Überzeugung und Vorfreude umgeschwungen und Spoiler: Ich bin froh über jeden Cent, den ich in diese fantastische Ausbildung gesteckt habe (und hab’ ganz nebenbei, wie von den beiden prophezeit, auch schnell jeden Cent wieder rausgehabt).

Als es dann aber losging, fand ich mich am Tag der Tage, dem Seminarstarttag, also in dieser wahnsinnig unangenehmen Situation wieder, die so ganz anders war als ich wollte. Und dafür bin ich – wirklich ehrlich – absolut dankbar. Weil dieser Moment so ein richtig guter Kontrast ist, ein Startschuss, der auf einmal all meine Schwächen, all das, was mir vor diesen Tagen und diesem Weg Angst gemacht hat, auf den Tisch geknallt hat. Nochmal rangezoomt, versteht sich – nicht, dass ich ganz grundsätzlich ein zitterndes Wrack wäre. Dieser Moment war quasi die Zusammenfassung, der Hauptact, der Maincharactermoment all meiner Nervosität. Bitteschön, Anschauungsmaterial, guckt her und lernet.

Und das haben wir. Ich, natürlich, aber wir alle: Wir haben in den darauffolgenden Tagen gelernt, gearbeitet, Freundschaften geschlossen und sind über uns hinaus gewachsen. So sehr, dass es berührend war und wunderschön. Wir haben über tausende Worte an Anjas Lippen gehangen und alles, was ging, archiviert. Wir haben zig Stunden lang Julian zugehört und notiert und notiert und notiert. Und es war fantastisch. Wir haben Themen durchgekaut, die sich wie Knäckebrot anfühlten, aber das, was nicht lecker ist. Das, was so richtig staubt vor Trockenheit – und es hat wider Erwarten Spaß gemacht. Wir sind durch Zimmer gehüpft und gerannt und haben uns kaputt gelacht, haben gesungen (ja, wirklich!) und absurde Körperbewegungen gemacht, die mit Zitronen und Pflaumen zu tun haben (solltet ihr euer Seminar vor euch haben: Denkt an mich, wenn’s soweit ist).
Wir haben zusammen Salzwasser aus unseren Augenwinkeln gewischt. Welches, das sich vor Rührung, vor Ergriffenheit, vor Intensität eingeschlichen hat.
Wir haben einen Wiesenblumenstrauß aus neuen Fertigkeiten mit Heim genommen.

Und ich, ganz persönlich?
Ich habe in mehrerlei Hinsicht Profit gemacht.
Ich hab’ profitiert von all dem Wissen, all den Infos, all dem Support – und mir ziemlich schnell dieses Business, das vor nicht allzu langer Zeit sowas wie ein Hirngespinst war, aufgebaut. Zu einhundert, nein, eintausend Prozent hätte das nicht geklappt ohne genau diese Tage mit genau diesen super Menschen.

Ich schreibe diese Zeilen ungefähr eine Stunde nachdem ich zu meinem Mann gesagt hab’, dass es mich so unfassbar glücklich macht, diesen Job zu leben und dass so ziemlich das Einzige, was gerade stört, ist, dass ich eher abbremsen muss, weil alles schon fast „zu gut“ läuft.
Ungefähr 2 Stunden, nachdem ich einem Brautpaar, das ich kennengelernt hab’, Tschüss gesagt habe. Da war’s 21:30 und wir hatten uns aus Versehen stundenlang verquatscht – weil „der Vibe“ so gut war, wie die jungen Leute sagen.
Ungefähr 2 Wochen, nachdem ich auf Stippvisite beim Gut Osthoff vorbeigeschneit bin, eigentlich nur zwei Hände voll Technik von einer wunderschönen Hochzeit vorbeibringen wollte und mich dann am liebsten mit in den Vortrag des aktuellen Seminars gesetzt hätte. Aus Nostalgie quasi.
Ungefähr 9 Monate, nachdem ich zittrig meinen Text in die Runde gestammelt hab – weil ich einfach noch nicht so zuverlässig mit Nervosität umgehen konnte, wie heute.

Und das, das ist die Quintessenz, die für mich die allergrößte Rolle spielt: Ich hab wahnsinnig profitiert, weil ich heute nicht mehr sagen muss „Ich bin ein bisschen aufgeregt“, nur um im Falle eines Falles schon einmal die Erwartungen flach gehalten zu haben. Weil ich weiß, dass das nicht mehr nötig wird. Da wächst nichts mehr aus meinen Schuhsolen, im Gegenteil, ich wachse jedes Mal.

Heute, nur ein paar Monate später – und ich weiß, dieser Satz klingt nach unseriösen Vorher-Nacher-Versprechen auf den Diätseiten einer TV-Zeitschrift, aber es ist nun einmal der Satz, der hierher gehört – heute ist ganz klar, dass das super klappt. Dass diese Worte, die ich aufs Papier bringe, dank gestellten Weichen und Übung und Feedback eine Stimme bekommen. Meine Stimme, die übrigens nicht mehr zittert, sondern weich und sicher ist. Kein Crescendo aus Vibration, nur ruhige, schöne Sätze, die eben nicht mehr nur gelesen, sondern gehört werden wollten. Und die es jetzt zuverlässig können – und das hat zu ungefähr 92% mit den Tagen im Redekunstwerk zu tun.

Jetzt, und das macht mich super glücklich und gleichzeitig dankbar, da flüster ich meinem Mann kurz zu: „Ich bin schon ’n bisschen aufgeregt“ und das ist wahr und er sagt: „Das wird super“ und auch das ist wahr – und ich sag’: „Ich weiß“ und denke daran, dass ein bisschen Lampenfieber wohl auch die erfahrensten Schauspieler*innen begleitet und dann, dann fahr’ ich los – und es wird super.

Vielen Dank für diesen wunderschönen Erfahrungsbericht von unserer Absolventin Lenja Hermanns!

Anja Kellersmann

Anja Kellersmann

Anja hat ihre Leidenschaft, das Schreiben, zum Beruf gemacht und ist Freie Rednerin seit 2012. Sie begleitet Trauungen wie auch Kinderwillkommensfeste und führt pro Jahr 40 Zeremonien durch.
Anja Kellersmann

Anja Kellersmann

Anja hat ihre Leidenschaft, das Schreiben, zum Beruf gemacht und ist Freie Rednerin seit 2012. Sie begleitet Trauungen wie auch Kinderwillkommensfeste und führt pro Jahr 40 Zeremonien durch.

2 Kommentare zu „Gastbeitrag von Lenja Hermanns, Freie Rednerin (IHK)“

  1. Liebe Lenja,
    ich hab keine Ahnung wer du bist doch dein Geschreibsel ( wertschätzend gemeint) hat mich gerade sehr berührt mir Hoffnung und Zuversicht geschenkt.
    Ich fange morgen mit der ersten Hälfte des Seminars an und hab ein bisschen (viel) bammel … mit einem lächeln und einem Tränchen hab ich wieder Mut gefunden durch dich, durch deine Worte. Danke dafür
    Ich freue mich auf morgen…
    ♡liche Grüße Yvi

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