Arbeit ist nicht gleich Arbeit

Der 1. Mai ist bundesweit und sogar international ein offizieller Feiertag. Die meisten nutzen ihn für Freizeit, einige wenige für Krawalle – beides geht zurück auf einen über 100 Jahre zurückliegenden Generalstreik der Arbeiterbewegung zur Durchsetzung des Achtstundentags.

Es liegt deshalb eine leichte Ironie darin, dass dieser Tag besonders gern für Hochzeitsfeiern genutzt wird, zumindest wenn er auf einen Donnerstag, einen Freitag oder natürlich Samstag fällt. Denn um diese Feier zu realisieren, sind Gastronomiebetriebe, Fotografen, DJs und Hochzeitsplaner deutlich mehr als acht Stunden im Einsatz. Der Unterschied liegt allerdings darin, dass sie dieses Schicksal absolut frei und vermutlich sehr gern gewählt haben.

Von mir selbst kann ich das definitiv behaupten. Ich selbst hätte, wenn nicht gerade eine Pandemie herrschen würde, am diesjährigen 1. Mai gleich zwei Trauzeremonien durchführen dürfen. Jetzt ist es keinesfalls so, dass ich mich übermäßig darüber freue, an diesem Tag freizuhaben, so wie es auch schon im vergangenen Jahr der Fall war. Sicher spreche ich nicht nur für mich, wenn ich behaupte, dass wir Hochzeitsdienstleister für unsere Branche und unsere Kunden brennen. Ich bin mir relativ sicher, dass der Großteil der genannten Gewerke, die mehr als 8 Stunden pro Hochzeit im Einsatz sind, so wie auch alle Stylist:innen, Tortenkünstler:innen, Kinderbetreuer:innen, Musiker:innen, Florist:innen, Dekorateur:innen und natürlich alle Trauredner:innen ihre Tätigkeit lieben. Das ist ein großes Privileg, das ich mir gern bewusst mache. Besonders gut fühlt sich das an, wenn ich gedanklich den Vergleich zu meiner Angestellten-Tätigkeit ziehe, die zum Glück so lange her ist, dass sie schon gar nicht mehr wahr erscheint.
Noch nie hat mich seit meiner Entscheidung für die Hochzeitsbranche Wochenend-Arbeit gestört oder Einsätze an Feiertagen. Ein Kinderwillkommensfest an einem Sonntag oder eine Trauung an Pfingsten, an Silvester oder halt eben am Tag der Arbeit gehören zur ganz normalen Terminplanung. Gut ist, wenn der Mann (also, MEIN Mann ist hier gemeint) da wunderbar mitzieht, weil der es mag, wenn ich glücklich und zufrieden bin. Und weil der darüber hinaus gern sein eigenes Ding macht. Es kann sogar passieren, dass an diesen Tagen er selbst auch an seinem eigenen Computer sitzt und leidenschaftlich irgendwelche Präsentationen ausarbeitet, die er sich selbst auferlegt hat. Auch daraus schließe ich: Arbeit ist nicht gleich Arbeit. Wohl dem:der, der:die seine:ihre Berufung zum Beruf machen konnte.

Im Unterschied zu unseren Hochzeitskollegen geht das bei uns Freien Redner:innen aber noch etwas weiter. Denn wir sind häufig für unsere Traugespräche, die wir zur Vorbereitung unserer Zeremonie mit den Brautpaaren führen, ebenfalls am Wochenende im Einsatz, gern mehrere Stunden an Sonntagen oder am Abend, der dann auch mal bis 23 Uhr dauern kann. Das Schöne ist bei all dem: Es fühlt sich nicht wie Arbeit an. Es gibt doch nichts Schöneres als über Stunden eine Liebesgeschichte erzählt zu bekommen. Manchmal gibt es sogar ein Glas Wein dazu oder einen sonnigen Platz mit Milchkaffee und selbstgebackenem Kuchen. Das ist dann ein unterhaltsamer Nachmittag:Abend mit wahnsinnig sympathischen Menschen, der einem schönen Tag mit Freunden nicht groß nachsteht.

Bei all der Freude an der Arbeit dürfen wir aber natürlich nicht vergessen, welche immense Verantwortung wir dennoch tragen. Immerhin geht es um einen der wichtigsten Anlässe im Leben der Personen, die sich uns anvertrauen. Es geht da auch für uns nicht nur um ein Vorgespräch und ein paar schöne Worte. Sondern der Großteil der Arbeit, die bei uns letztendlich auch werktags am Schreibtisch stattfindet (oder wo und wann auch immer es für uns am besten passt), besteht darin, unsere Kunden schreib- und kreativkünstlerisch in eine zeremonielle Form zu gießen, die ihnen perfekt passt. Das ist eine aufwendige Denk-, Recherche- und Formulierungsleistung.
Wenn sich das – spätestens nach der Teilnahme an unserem RedeKunstWerk Lehrgang für Freie Redner — dann auch nicht wie Arbeit anfühlt, dann können wir mit Fug und Recht behaupten: Wir Redner:innen haben einfach den herrlichsten Beruf der Welt. Arbeit ist einfach nicht gleich Arbeit. Niemand weiß das besser als wir Hochzeitsredner.

Anja Kellersmann

Anja Kellersmann

Anja hat ihre Leidenschaft, das Schreiben, zum Beruf gemacht und ist Freie Rednerin seit 2012. Sie begleitet Trauungen wie auch Kinderwillkommensfeste und führt pro Jahr 40 Zeremonien durch.
Anja Kellersmann

Anja Kellersmann

Anja hat ihre Leidenschaft, das Schreiben, zum Beruf gemacht und ist Freie Rednerin seit 2012. Sie begleitet Trauungen wie auch Kinderwillkommensfeste und führt pro Jahr 40 Zeremonien durch.

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